Archiv für 19. Februar 2013

Der Anhänger

Tagblatt, 16. Februar 2013
von Gert Bruderer

Es war einmal ein Anhänger. Der stand und stand und stand auf einem Parkplatz in der Blauen Zone und war – leer. Hey, mokierte sich die örtliche SVP (die eifrigste im ganzen Land!) über die aus ihrer Sicht dreiste Eigenwerbung des Elektro-Unternehmens, dem der Anhänger gehörte; das gehe doch nicht! Die SVP hatte längst ihre Heinzelmännchen von anderen Beobachtungsposten wie dem Mineralheilbad abgezogen, neu ausschwärmen und wochenlang den Anhänger beobachten lassen, um detektivisch festzustellen, dass dieser Anhänger wirklich nur unbenutzt dastand – und dies in der Blauen Zone, beim Bahnhof. Kaum waren die für ein energisches Vorgehen nötigen Fakten ungefähr gesichert, schrieb die SVP dem Gemeinderat und beanstandete die «Zweckentfremdung des Parkfeldes». Nun hätte der Gemeinderat natürlich unverzüglich ein paar Zwerge, Kobolde oder Feen losschicken und den Anhänger entfernen lassen oder zumindest veranlassen können, dass die Elektrofirma den Anhänger entfernt, aber dann wäre daraus ja kein Märchen geworden. Der in erster Linie angesprochene Gemeindepräsident beschränkte sich zunächst auf zwei Dinge: Er bestätigte, den Brief der SVP erhalten zu haben, und stellte die Behandlung der Angelegenheit durch den Gemeinderat an «einer seiner nächsten Sitzungen» in Aussicht. Der Rat werde anschliessend Stellung beziehen.

«Verschleppung, Verzögerung!» rief die SVP mit ganzer Kraft in den Wald hinein, aus dem es nicht zurückrief, wie hineingerufen wurde. Vielmehr kontaktierte der Gemeindepräsident (dies haben die SVP-Heinzelmännchen ihrer Partei zugetragen) den Chef der Elektrofirma, einen ehemaligen Gemeinderat, der nun also Bescheid wusste über das SVP’sche Pochen auf die Gleichbehandlung aller Bürgerinnen und Bürger. Also Ende gut, alles gut? Nicht ganz.

Zwar fuhren kurz danach (die Heinzelmännchen haben es gesehen und sie haben es sogar gefilmt) drei Mitarbeiter der Elektrofirma bei der Blauen Zone vor, jedoch nicht, um das Objekt der Auseinandersetzung von dem Parkplatz abzuziehen, sondern um es – zu beladen.

Die Leute im Dorf sprechen gewiss noch sehr lange sehr kontrovers über die Sache. Vetternwirtschaft, schimpfen manche. Lächerlich, Lappalie, bemerken andere. Die SVP ergänzt: «Bei uns misst die Regierung mit ungleichen Ellen.» Der kleine Mann werde beim Falschparkieren und bei anderen Gelegenheiten gleich gebüsst, andere dürften sogar einen Parkplatz beliebig besetzt halten. Allerdings hatten die Heinzelmännchen bei ihren Recherchen eine Kleinigkeit frohgemut ausser Acht gelassen: Die Elektrofirma, die am Umbau einer nahe gelegenen Grossbank beteiligt ist, soll offiziell (dank entsprechender Bewilligung) ermächtigt sein, ein mobiles Magazin auf einem Blaue-Zone-Parkplatz stehen zu haben.

Die Heinzelmännchen, die dank akribischen Eifers Bewegung ins Gemeindeleben gebracht haben, bleiben wachsam und aktiv. Vielleicht heisst es schon bald wieder: «Es war einmal…» – schätzungsweise im März oder April 2013, nach der Gemeinderatssitzung, an der dieses Thema zur Sprache kommt. Im neuen Märchen eine Rolle spielen dann: (wieder) der Anhänger, (wieder) die Blaue Zone – und eine gemeinderätliche Stellungnahme zu einem Parkplatzbesetzungsproblem, das bisher nur die SVP als solches wahrgenommen hat.

Kein Bekenntnis zur Familie!

Antwort auf den Leserbrief von KR Marlen Hasler vom 05.02.2013 im Tagblatt

Marlen Hasler bleibt die Antwort, in ihrem Angriff auf die SVP, schuldig, ob die Familie Privatsache ist, oder bleiben soll. Erwiesen ist jedoch die Tatsache, dass sich die Familie im herkömmlichen Sinn bewährt hat und nur sie im Normalfall den Kindern die nötige Geborgenheit gibt. Dies bestreiten auch die meisten Fachleute nicht. Unverständlich und ohne direkten Zusammenhang ist die Argumentation, es müsse alles Bewährte über Bord geworfen werden, weil z.B. die Kinderzahl pro „Schweizerin“ ständig sinke. Liebe Marlen, da hast du etwas zu kurz gegriffen. Mit deinem Hinweis auf die nachteilige Entwicklung unserer Sozialwerke und auf den Arbeitsmarkt bei der schlechten „Gebärfreudigkeit“ der Schweizerinnen, und darum bessere Rahmenbedingungen schaffen zu müssen, degradierst du den Kinderwunsch zum Staatspolitikum. Im Gegensatz zu dir, verteidige ich vehement die Familie als Privatsache und bin als Frau, der Gesellschaft keine Kinder schuldig. Ich wollte und habe drei – ohne Staatsverpflichtung! Das, was dir vorschwebt und was der Familienartikel möchte, ist keine neue Erfindung. Das hatte die ehemalige DDR, alle Oststaaten und heute noch Nordkorea, China etc. etc. „Alle“ von klein auf gleichschalten und systemgerecht konditionieren. Wollen wir das, oder sind wir fähig ausnahmsweise einmal aus der Vergangenheit zu lernen, auch wenn wir uns bequemen müssen, einmal über unsere Landesgrenzen zu schauen? Dein Argument, fast alle Bereiche seien schon in der Verfassung per Artikel geregelt, ist genau ein Grund „stopp“ zu sagen. Die Familie darf nicht in einem Verfassungsartikel geregelt werden. Wir brauchen keinen totalitären Staat!

Karin Thurnheer